Sonntag, 31. Juli 2016

Eine Zierde unserer Zunft

Absurd. Ist die Presse jetzt eigentlich gut oder böse? Beschleunigt sie den medialen Overkill bei den Katastrophen, die täglich in unseren Timelines auftauchen, oder berichten sie nur so, wie der Leser es wünscht?

Intessanterweise ist ein Vertreter der Lügenpresse jetzt zum Helden aufgestiegen: der Pressesprecher der Münchner Polizei, Marcus da Gloria Martins. Rund um den Amoklauf im Münchener Olympia-Center bewahrte er die Ruhe bei den vielen Pressekonferenzen und erklärte konkret was man weiß und was nicht - das wurde zu Recht kräftig im Netz abgefeiert. Die Informationspolitik der Münchener Polizei war von Beginn an von Transparenz gekennzeichnet, und da Gloria Martins war der Mann, der diese Transparenz nach außen trug. Abgesehen davon, dass er durch seine besonnene Art genau das richtige Gesicht nach außen war, war es beeindruckend, dass er stets auch genau benannte, was man eben nicht weiß. Und damit Spekulationen kaum Raum gab.
Ich bin Fan, Daumen hoch.

Der schlaue und der doofe Journalist


Aber eines irritierte mich. Ein, zwei Tage nach dem Amoklauf von München, als die Lobpreisungen des Pressesprechers ihren Höhepunkt fanden, fand ich in meiner Facebook-Chronik immer wieder folgenden kleinen Schlagabtausch geliked: Ein wahlweise "frecher", "doofer", "wenig schlauer" Journalist fragt da Gloria Martins: „Können Sie sagen, was in den nächsten Stunden passiert?“ - „Ja. Wir tun unsere Arbeit“, gibt dieser schlagfertig zurück. Haha, der dumme Journalist. Der hat ganz schön was auf den Deckel gekriegt, geschieht ihm recht. Warum stellt er auch so blöde Fragen.
- Leute, der stellt die Fragen für Euch! Weil jeder von uns ein Leser von Medien ist, online, print, von Qualitätsmedien oder meinetwegen auch Focus oder Bild. Aber alle von uns wollten Infos, wollten Enordnungen, Analysen dessen, was geschehen war.

Lügenpresse oder doofe Journalisten oder schlaue Pressesprecher sind immer ein Produkt von uns Lesern, die wir immer schneller Berichterstattung haben wollen. Ob wir eine Entschleunigung von Berichterstattung überhaupt noch mal erreichen werden, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass wir alle Teil der medialen Umgehensweise mit solchen schrecklichen Ereignissen sind. Und nicht nur die dummen Journalisten.

Und Marcus da Gloria Martins hat trotzdemgeradedeshalb einen super Job gemacht. Weil er vielleicht das einzige entschleunigende Moment in dieser ganzen Geschichte war. Merkwürdigerweise ist es das, was retrospektiv vom Erzählen über München am meisten bleibt. Sollte uns zum Nachdenken bringen.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Was lernt uns das? Review des DPRG-Zukunftsforums 9./10.6.1016

Wie sagte der DPRG-Vorsitzende Norbert Minwegen: "Die alte Tante DPRG verjüngt sich". Um dann seine Krawatte in die Tasche zu packen, den oberen Hemdknopf verwegen zu öffen, Lederschuhe gegen Sneaker zu tauschen und dem gesamten Plenum das Du anzubieten. Wie man das  auf einem Barcamp so macht. Wie weit die Frischzellenkur tatsächlich reichte, erkannte man am häufigen Sie des zweiten Tages.

However. Digitalisierung von PR war das Thema des Barcamps, und die Sessions setzten sich auf die ein oder andere Weise mit den neuen Herausforderungen, vor denen die Branche steht, auseinander. Nein, Snapchat war nicht Thema ... Vielmehr bemühte sich eine ganze Branche um Verstehen. Und machte deutlich, noch immer am Anfang zu stehen. Sehr schön hat das Jochen Wegener von Zeit Online zusammengefasst: "Alle Thesen zur Zukunft der Medien sind falsch." (hoffentlich liegt er damit nicht auch falsch) Und weiter: "Durchwurschteln ist eine höchst moderne Strategie." Er sagte, dass viele tolle Ideen von Zeit Online nicht auf Basis von Mafo oder Strategie entstehen, sondern durchs Ausprobieren. Ich finde, das nimmt jede Menge Druck raus. Wenn nicht einmal die Digital-Gurus wissen, wie Dinge funktionieren, kann man sich als PR-Tante hinsetzen, eine Schachtel Popcorn nehmen und beoachten, was die Großen tun. Und daraus lernen.

Gesungen wurde natürlich weiterhin das Hohelied des Storytellings. Echte Menschen zu Wort kommen lassen ist immer noch der kommunikative Stein der Weisen. Dazu gehört Mut, auch und besonders seitens der CEOs. Wer hat schon mal einen CEO was wirklich Interessantes oder Spannendes oder Humorvolles sagen hören? Genau.

A propos Humor: "Der meiste Content ist strunzlangweilig" - mein Lieblingssatz. Lasse ich jetzt mal so stehen. Und a propos Content: Content-Trüffelschweine sind weiter gefragt. Thomas Mickeleit von Microsoft Deutschland ging sogar so weit zu behaupten, dass die Kernkompetenz von Kommunikation im Storytelling liegt. „Die Fähigkeit guten Content herzustellen, ist momentan massiv gefragt.“

Und zuletzt: Just do it. „Ohne Digitalisierung der Kommunikation verliert man den Draht zu den Leuten“, betonte Carsten Knop von der F.A.Z. in seiner Keynote. Denn sie wird stattfinden, ob mit oder ohne uns. 

Montag, 6. Juni 2016

Nieder mit dem Quallenfett!

Helmut Schmidt war bekanntlich nie um ein Bonmot verlegen. Unter anderem prägte er den Begriff "Quallenfett": Er kritisierte seinen Redenschreiber, zuviel Quallenfett zu produzieren - das sind überflüssige Füllwörter wie an sich, also, anscheinend, auffallend, ausdrücklich, außerdem, auch, aufgrund, ausgerechnet. Dies war übrigens nur das mit a beginnende Quallenfett, und übrigens ist übrigens auch Quallenfett.

Da man beim Schreiben seine Quallenfett-Produktion kaum beherrschen kann, sollte man den fertigen Text sorgfältig prüfen. Gerne auch mit Hilfe meiner Neuentdeckung: einem Füllwörter-Test!

Ich bin begeistert. Nieder mit dem Quallenfett!
 http://www.schreiblabor.com/fuellwoerter-test/

Mittwoch, 25. Mai 2016

Der virale Hund – ein kleines Facebook-Video sorgt für Aufsehen



Ein kleines Video auf Facebook. Eine sehr gebrechliche alte Dame liegt im Pflegebett. Der Besuchshund Lotte kommt, springt aufs Bett, legt sich neben die Dame, seinen Kopf an ihre Hände. Die Dame strahlt auf, lächelt, streichelt Lotte, gibt Leckerlis, kommuniziert mit ihr sowie mit der Betreuerin. Nach knappen fünf Minuten ist die Besuchszeit vorbei. Das Video: 5:17 min lang, kein Schnitt. Ich kann das nicht beurteilen, aber vielleicht hat man sogar nur ein Handy zum Filmen benutzt.

Nach 24 Stunden hatte das Video schon 1,6 Millionen Aufrufe, heute, nach sieben Tagen, schon 8 Millionen. 122.000 mal geteilt, 118.000 mal geliked, 15.000 mal kommentiert.

Die Suche nach dem Rezept 

Holla, was ist denn da passiert??? Da hat eine Pflegeeinrichtung mit einem kleinen, selbstgemachten Video von einem Hundebesuch das geschafft, wonach Marketingabteilungen großer Konzerne gieren: viral zu werden. Bedeutet: das Stück verbreitet sich quasi von selbst – einfach, weil andere User es von sich aus teilen. Hach, wenn es doch nur ein Rezept dafür gäbe, wie man das auch hinbekommt! 8 Millionen Aufrufe! Von der Reputation für das Haus ganz zu schweigen. Wahrscheinlich – ganz sicher – kann man das in einen monetären Wert ausrechnen, was die gleiche Aufmerksamkeit über klassische Wege gekostet hätte, über Tausenderkontaktpreise oder so.

Wie haben die das gemacht? Fragen wir jemanden, der sich auskennt: den Medienwissenschaftler meines Vertrauens, Prof. Rolf F. Nohr von der HBK Braunschweig. Er bestätigt: Warum etwas viral wird, weiß letztlich niemand. Stücke, die an die Menschlichkeit appellieren (human interest), sind schon mal gut, Tiere sowieso. Positiv sollte die Geschichte sein, emotional berührend ­- positiv auch die Grundhaltung dessen, der sie erzählt. Helden des Alltags sind wunderbar, denn die sind (vermeintlich) von unserem eigenen Leben nicht weit entfernt. Gute Menschen in der Pflege, Zusammenhänge, in der sie es auch sein dürfen. Und, ganz wichtig: die Pflege stellt sich wieder authentisch dar, menschlich. Die Betreuerin ist sichtbar echt, die bettlägerige Dame sowieso. Die Kamera, die vielleicht noch nicht mal eine Kamera ist, ist absolut nicht professionell geführt, sondern nur mal eben ins Zimmer gestellt. Mehr echtes Leben zeigen geht kaum.

Vielleicht ist es der Wunsch nach Authentizität in der Pflege, nach unverstellten Situationen, echten Geschichten, die das Video so durch die Decke haben gehen lassen. Aussagekräftig sind die Kommentare: die adressieren ganz überwiegend Facebook-Freunde (europaweit!) im Sinne von „schau es Dir an“. Schau mal, was die Einrichtung hier macht, wie toll das ist. Ganz offenbar machen sich besonders Pflegekräfte untereinander auf den Film aufmerksam. Schön schrecklich ist das, denn Betreuer mit Besuchshunden sind so unüblich gar nicht, und dass der Kontakt zu Tieren diese strahlenden Reaktionen hervorrufen kann, ist natürlich allenthalben bekannt.

Tja, was also diese unfassbare Anzahl von Aufrufen bewirkt hat, wissen wir immer noch nicht. Versuchen Sie nicht, es nachzumachen – das geht nicht mehr. Der virale Hund war der one in a (eight) million-Treffer.

Dienstag, 10. Mai 2016

Keep cool, Pflege - Verpassen Sie ruhig mal einen Kommunikations-Hype



Ihr Unternehmen ist auf Facebook? Sie twittern vielleicht? Veröffentlichen Bilder auf Instagram? Das ist schon stressig genug, wenn man´s gut machen will, oder? Und jetzt auch noch dieses Snapchat.
Vielleicht wissen Sie nicht, was das ist – vlelleicht sind Sie ja auch schon über 40 :-).  Snapchat ist ein kostenloser Instant-Messaging-Dienst, der ausschließlich auf Smartphones und Tablets genutzt werden kann. Die Bilder und Filmchen können nur zweimal und für wenige Sekunden angeschaut werden, dann löschen sie sich selbst. 100 Millionen Menschen nutzen die App täglich – eine echte Bedrohung für Facebook.

Längst versuchen Medien und Werbewirtschaft, sich den Hype zu Nutze zu machen: Eine der zentralen Möglichkeiten von Snapchat ist nämlich, mit Bildern und/ oder Minivideos Geschichten zu erzählen. Und da das bloße Aufzählen von Produktvorteilen ohnehin völlig out ist – in ist jetzt, emotionale Geschichten zu erzählen – kommt die App gerade recht.

Nur: Snapchat ist nicht gerade selbsterklärend. Die Zahl der Tutorials auf Youtube ist längst Legion. Und wenn man es dann halbwegs verstanden hat, kommt der jugendliche Türsteher und sagt: "Jetzt, liebe Erwachsene, wisst ihr, was Snapchat ist. Tut uns Jungen nur einen Gefallen: Nutzt es nicht!" (Joshua (14) auf der re:publica 2016).

Apps to watch

Joshua hat Recht. Auch wenn Sie als Pflege-Betreiber noch so ambitioniert sind, Ihr junges Gemüse adäquat anzusprechen – tun Sie´s nicht. Es gibt Apps, die für die Kommunikationen mit Ihren Zielgruppen da draußen prima geeignet sind. Snapchat gehört nicht dazu.

  • Facebook: Ja, weil sich Kunden und (potenzielle) Mitarbeiter gleichermaßen hier tummeln. Facebook ist längst zu einem Dienst für die höheraltrigen User geworden.
  • Twitter: Wenn Sie wirklich Relevantes zu berichten haben. Twitter ist in Deutschland ein reines Informationsmedium und dient fast gar nicht der Unterhaltung.
  •  Instagram: Tolle und spannende Fotos aus der Pflege? Naja, wenn Sie die haben … Sonst sucht man Sie eher nicht auf Instagram.
  • Youtube: Gute Videos kosten Zeit, Geld, Ressourcen. Wenn Sie dies einsetzen können, nur zu.
  • Pinterest: nein
  • Tumblr: eine prima Blog-App – Sie können aber auch bloggen mit Wordpress, Blogspot u.a.

Diese Aufzählung ist keineswegs vollzählig, und es werden in den nächsten Jahren weitere Kanäle dazu kommen, von denen wir heute noch nicht mal träumen. Bleiben Sie cool. Niemand erwartet von Ihnen in der Pflege, ein early adopter zu sein. Und lassen Sie die Finger von Snapchat – zumindest geschäftlich.  

Mittwoch, 13. April 2016

Sie und Ihr Journalist



Schon oft totgesagt, kommt ihr Ende wirklich langsam in Sicht: Die Pressemitteilung hat ausgedient. Herausgefunden hat das eine Umfrage des Verlags Rommerskirchen und der Hochschule Macromedia: Pressematerialien spielen für Journalisten bei der Online-Recherche keine herausragende Rolle mehr. Nur für knapp 60 Prozent der Journalisten sind Pressematerialien für die Recherche besonders wichtig.

Wie und wo recherchieren Journalisten denn dann? An erster Stelle übers Internet – hier werden besonders die Sozialen Medien wie Twitter und Facebook genutzt. Ganz knapp dahinter: das Gespräch, telefonisch oder persönlich. (Hier geht´s übrigens zur Umfragezusammenfassung www.rommerskirchen.com/umfrage)

 

Online-Kanäle nutzen nur wenige Pflegeunternehmen

 

Naja, verwunderlich ist eine solche Erkenntnis nicht. Dass ein Journalist nicht in seinem Büro sitzt und wartet, bis eine interessante Pressemitteilung in seinem E-Mail-Programm aufpoppt, ist ja klar. Dass die Relevanz persönlicher Gespräche nach wie vor ungebrochen ist, beruhigt – setzt die Verantwortlichen in den Pflegeunternehmen jedoch weiterhin unter den Druck, zu „ihrem“ Lokalredakteur auch tatsächlich einen Kontakt zu pflegen. Manchmal wünsche ich mir eine Umfrage unter Presseverantwortlichen in der Pflegebranche, wie viele ihren lokalen Ansprechpartner überhaupt namentlich kennen …

Dass Ihre Internetseiten stets gepflegt, aktuell und relevant (!) sein sollten, um allen Interessierten (Kunden, Mitarbeiter, Partner und Presse) einen aussagekräftigen Überblick zu verschaffen, steht hoffentlich außer Frage. Dass Sie vielleicht erste Schritte Richtung dialogischer Kommunikation (Social Media, Blogs) gehen, ehrt Sie.

Und trotzdem, so fürchte ich, müssen Sie weiter die Arbeit auf sich nehmen, Pressemitteilungen zu schreiben. Denn tot ist dieses Medium keinesfalls, besonders nicht im Bereich der Altenpflege. Ich glaube nicht, dass Lokalredakteure ernsthaft versuchen, über Online-Kanäle aktuelle Geschehnisse bei Ihnen zu recherchieren. Zu ungeübt sind die meisten Betreiber noch mit diesen Medien (obwohl sie das 2016 eigentlich nicht mehr sein dürften, aber das steht auf einem anderen Blatt). Trotzdem müssen Sie ja die Infos an die Redaktionen bringen – tun Sie dies also auf dem üblichen Weg: Pressemitteilung und persönliche Kontakte. Bis die Pressemitteilung auch in der Pflegebranche tot ist, fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter.